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Kristall zwischen Wissenschaft und Kunst

Die Beziehungen von Kristallen und ihren idealisierten Abbildern in Wissenschaft und Kunst sind vielfältig. Sie spiegeln sich exemplarisch in den Lebensläufen der am Anfang der Ausstellung porträtierten Persönlichkeiten wieder. Alle drei - ein Wissenschaftler mit politischen Neigungen, ein Wissenschaftler mit großen künstlerischen Talenten und ein revolutionärer Künstler - haben einen wichtigen Teil ihres Lebens in Kiel verbracht.

Johannes Lehmann-Hohenberg (1851 - 1925) war Professor für Mineralogie an der Universität Kiel und Mitbegründer der Kieler Neuesten Nachrichten (heute Kieler Nachrichten). Als er den Rahmen seiner Wissenschaft verließ und sich als "Weltverbesserer" politisch unliebsam machte, wurde er verfolgt, bestraft und ruiniert.

Heinrich Heesch (1906 - 1995), in Kiel geboren und begraben, hat zeitweilig bei der Wahl zwischen Kunst und Wissenschaft gezweifelt. Letztere behielt schließlich die Oberhand. Er bereitete den Weg zur Lösung wichtiger mathematischer und kristallographischer Probleme, wurde aber wegen seiner politischen Gegnerschaft zum Nationalsozialismus in der wissenschaftlichen Karriere stark behindert.

Der Maler Friedrich Peter Drömmer (1889 - 1968) befand sich als Exponent des revolutionären Kieler Expressionismus in scharfem Gegensatz zum herkömmlichen Kunstbegriff, bevor er als erfolgreicher Industriedesigner den Weg in die bürgerliche Gesellschaft fand. Seine frühen Werke verwenden häufig kristalline Formen.

Jeder von diesen dreien hat auf ganz eigene Weise seine Liebe und Neigung zu geometrischen Formen, oder Kristallen, in seinen Werken gezeigt, seien sie nun wissenschaftlich oder künstlerisch. Offensichtlich herrscht ein universelles Prinzip in Wissenschaft und Kunst: Die Faszination durch die Schönheit der Genauigkeit, auch wenn dieses Prinzip in der Kunst oft und sehr bewußt gebrochen wird. So öffnet sich eine grenzenlose Verbindung zwischen den beiden Weltsichten: Form wird zu Gefühl, Gefühl wird zu Form. Dies ist der Leitgedanke, der sich durch die ganze Ausstellung zieht.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Formen, die den 3-dimensionalen Raum lückenlos füllen, zeigen die zeitgenössischen Werke von Elke Koch und Friedhelm Kürpig - allerdings auf grundsätzlich verschiedene Weise. Im einen Fall sind die Objekte ecken- und kantenreiche Polyeder, im anderen gekrümmte Flächen, die per Definition weder Ecken noch Kanten besitzen. Die Bannung 3-dimensionaler Objekte - Kristalle und Strukturen - in den Rahmen 2-dimensionaler Gemälde, und ihre Einbettung in die individuelle Gefühlswelt, wird durch Werke von u.a. Valeria Eliasberg, Irina Moor und Hermann Paulsen sichtbar gemacht. Harte Kristalle und Strukturen auf weichem Stoff, das ist das Thema der Textilkunstwerke der Gruppe XXTex mit Arbeiten von Doris Büdel, Annegret Haake, Ello Haas und Liesel Harwerth.

Die starke Faszination, die von jeher von den flächen-, ecken- und kantenreichen Gebilden auf die Menschheit ausgeht, vermitteln die in der Ausstellung gezeigten Exemplare ausgesucht schöner Kristalle. Ein Teil ihrer Faszination beruht sicher darauf, daß ihre regelmäßige Gestalt und ihre Härte auf eine andere Wirklichkeit zu verweisen scheinen, als sie der eher amorphen und weichen organischen Natur zu eigen ist. Organische Natur ist sterblich, Kristalle dagegen währen scheinbar ewig. Grund genug für ewige Menschheitsfragen nach Tod und Leben. Nicht zuletzt deswegen haben Kristalle einen hervorragenden Platz in den Mythen und Gedanken der Völker gefunden und sind als Metapher in den Werken vieler Künstler anzutreffen. Dies soll hier anhand einiger prägnanter Werke deutlich gemacht werden.

Große Bedeutung haben kristalline Formen für das Schaffen vieler Architekten. Während der Kristall in dem Sinne "ist", daß seine Atome naturbestimmte Plätze in dem ihnen zustehenden Raum einnehmen, gestaltet der Architekt den Raum mit seiner schöpferischen Phantasie, aber nach den Gesetzen von Konstruktion und Statik. Vor allem den Architekten der revolutionären Nachkriegszeit von 1919 bis etwa in die erste Hälfte der 1920er Jahre galt der Kristall als Inkarnation des Puren. So warfen z.B. die korrespondierenden Mitglieder der ber¨hmten "Gläsernen Kette" mit ihren utopischen Kristallbauten - gleichsam im Facettenschliff - Projektionen einer lichten Zukunft auf's Papier. Raumvisionen aus expressionistischem Aufbruchsgeist u.a. von Hans Scharoun, Bruno Taut, Friedrich Peter Drömmer und Wenzel Hablik werden in der Ausstellung gezeigt, ebenso wie Darstellungen von Arbeiten der "Gläsernen Kette".






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